Sonntag, 1. Februar 2015

Einige Details zu den gestrigen Lawinenereignissen samt Kurzinfo, wo man recht sicher unterwegs ist…

Dankenswerterweise werden wir nach Lawinenereignissen rasch mit guten Erstinformationen, insbesondere auch mit Fotos versorgt, die wir ebenso möglichst zeitnah  weitergeben möchten.

 

Hier ein Überblick mit einigen Eckdaten, sofern vorhanden.

 

Eine 6-köpfige Gruppe, bestehend aus britischen Armeeangehörigen, davon einer Bergführerin und einem einheimischen Heeresbergführer befand sich auf einer Durchquerung von der Rudolfshütte über die Granatscharte zum Matreier Tauernhaus in den Osttiroler Tauern. Bei der Abfahrt durch das Landeggtal sammelte sich die Gruppe auf 2500m, um von dort den folgenden, sehr steilen W-exponierten Hang einzeln als bzufahren. Kurz nach der Einfahrt des Heeresbergführers in den Hang löste sich ein Schneebrett, welches in Folge breiter wurde und ihn 600m mitriss. Er war teilverschüttet und zog sich eine Beinverletzung zu. Anrissbreite 30m, Anrisshöhe bis 1,5m.

 

Lawinenabgang Granatscharte, Osttiroler Tauern (Foto: 31.01.2015)

 

Lawinenabgang Granatscharte, Osttiroler Tauern; Blick vom Sammelpunkt in Richtung Lawinenanriss samt Einfahrtsspur (Foto: 31.01.2015)

 

Im Bereich des Kapall am Arlberg lösten britische Freerider ein Schneebrett aus. Eine Person löste oberhalb einer felsdurchsetzten Stelle ein Schneebrett aus,   purzelte über diese Steilstufe und löste in Folge ein weiteres Schneebrett aus. Er wurde teilverschüttet und verletzt.

 

Lawinenabgang Kapall, Arlberg; Personen befinden sich beim Teilverschütteten. Man erkennt oberhalb des felsdurchsetzten Geländes die Einfahrtsspur. (Foto: 31.01.2015)

 

Lawinenabgänge beim Wiesjoch sowie unterhalb der Schneidspitze im Außerfern weisen darauf hin, dass wir zusehends auch die Regenkrusten von Anfang Jänner (03.01-04.01. und 09.01-11.01) bzw. vielmehr die dazwischen gebildeten kantigen Kristalle als neue Gleitflächen für Schneebrettlawinen in Betracht ziehen müssen. Anders können die Fernauslösung unterhalb der Schneidspitze sowie eine Sekundärlawine am Wiesjoch nicht erklärt werden. Dabei spielt auch noch die deutliche Abnahme der Dicke der Regenkrusten durch aufbauende Umwandlung aufgrund der kalten Temperaturen eine gewisse Rolle. Betroffen ist davon vermehrt schattiges, schneeärmeres, Gelände unterhalb von 2600m.

 

Lawinenabgang Schneidspitze. Gruppe löste Lawine im flacheren Gelände seitlich versetzt aus. (Foto: 31.01.2015)

 

Lawinenabgang Wiesjoch, Sekundärlawine von rechts (Foto: 31.01.2015)

 

Lawinenabgang Wiesjoch samt Sekundärlawine von rechts (Foto: 31.01.2015). Wieder einmal wurden die Leitstelle (Notruf 140) nicht informiert, dass nichts passierte…

 

Ein Lawinenabgang kammnah im Bereich des Stöttltörls betraf wiederum nur frischen Triebschnee. Eine Person wurde wenige Meter mitgerissen und blieb unverletzt.

 

Kleines kammnahes Schneebrett unterhalb des Stöttltörls (Foto: 31.01.2015)

 

Interessant dazu: Es wurde gestern am 31.01. auch eine spontane Lawine aus besonntem, extrem steilen Gelände in Richtung Stöttlreisen beobachtet. Es war niemand betroffen.

 

Spontane Schneebrettlawine in die Stöttlreise, Mieminger Kette, die sich zu einer Staublawine entwickelte. (Foto: 31.01.2015)

 

Es soll jedoch nicht nur von Lawinen die Rede sein. In windberuhigten Gebieten unterhalb der Waldgrenze findet man häufig recht gute Bedingungen. Vorsicht dabei einzig im schattigen Steilgelände im Waldgrenzbereich (sh. auch vorige Blogeinträge).

 

In besonnten Hängen unterhalb von 2300m nimmt zwar langsam die Schneequalität ab, allerdings überwiegen dort vom Schneedeckenaufbau inzwischen recht günstige Bedingungen.

 

Die Direttissma (Lawinenabgang am 28.01.2015) lässt sich inzwischen ziemlich gefahrlos befahren. Triebschnee von Mitte der Woche hat sich dort inzwischen gut verbunden.

 

Samstag, 31. Januar 2015

Einige Lawinenabgänge...

Heute wurden wir von der Leitstelle Tirol über 7 Lawinenabgänge (Kapall, St.Anton; Wasserkar, Sölden; Stöttltörl, Mieming; Pirchkogel, Silz; Ochsenkar, Kaunertal; Granatspitze, Matrei in Osttirol; Wiesjoch, Heiterwang) informiert. Vermutlich dürfte niemand zu Schaden gekommen sein.
Die Lawine bei der Granatspitze wurde in der Abfahrt ausgelöst. Es handelte sich um eine  geführte, 6-köpfige Gruppe. 1 Person wurde erfasst und verschüttet, konnte jedoch rasch geborgen werden. Anrissbereich nach dzt. Infos auf ca. 2300m, Exposition West. Details folgen.

Freitag, 30. Januar 2015

Massiv vom Wind geprägte Schneedecke. Weiterhin auf kürzlichen Triebschnee sowie störanfälligen Altschnee achten. Kurze Unfallanalyse vom Hornköpfl in den Kitzbüheler Alpen

In Tirols herrscht zumindest vom Waldgrenzbereich aufwärts  erhebliche Lawinengefahr. Dabei ist unverändert auf Triebschnee, aber auch auf störanfälligen Altschnee zu achten.

 

Bodennahe störanfällige Schwachschichten findet man weiterhin v.a. in den Regionen südlich des Arlbergs, der Nordalpen und der Kitzbüheler Alpen. (schattseitig weiterhin im Höhenbereich zwischen ca. 2000m-2600m, in besonnten Hängen oberhalb etwa 2300m). 

 

Seit gestern im Zuge der Unfallanalyse am Hornköpfl in den Kitzbüheler Alpen wissen wir von einer neuen oberflächennahen Schwachschicht, zumindest in den Kitzbüheler Alpen.  Vergangene Woche hat sich dort aufgrund von Nebel- und Wärmeeinfluss schattseitig eine dünne Schmelzkruste gebildet. Durch die anschließenden kalten Temperaturen entwickelte sich unmittelbar unterhalb dieser Kruste eine sehr dünne Schicht aus kantigen Kristallen (Gefahrenmuster 4: kalt auf warm/warm auf kalt). Diese Schicht war die unmittelbare Ursache des Lawinenabgangs. Wir gehen derzeit von der Existenz dieser Schwachschicht zumindest in den Kitzbüheler Alpen schattseitig oberhalb etwa 1600m bis vermutlich etwa 1900m aus. Somit dort neben frischem Triebschnee um erhöhte Vorsicht!

 

Schneeprofil vom Hornköpfl vom 29.01.2015. Man erkennt die dünne Schmelzkruste bei 34cm samt dünnen kantigen Kristallen darunter. Profilort: Anrissbereich der Lawine

 

Oberhalb des Handschuhs erkennt man die sehr dünne Schmelzkruste, darunter war die ebenso sehr dünne kantige Schicht zu finden. Hornköpfl (Foto: 29.01.2015)

 

Weitere Schneedeckenuntersuchungen im Nahbereich von Lawinenabgängen vom 28.01. in besonnten Hängen zeigten eine zunehmende Verbindung jenes Triebschnee, der sich vom 27.01. auf den 28.01. gebildet hat mit dem darunter befindlichen, vormals sehr lockeren, kalten Neuschnee in einem Höhenbereich unterhalb von 2000m.

 

Frischer, seit 29.01. gebildeter Triebschnee ist jedoch weiterhin recht störanfällig. Hier eine dazu passende Kurzinfo von Paul Mair vom Arlberg vom 30.01.: „Auslösebereitschaft hoch, kleinräumige Fallen (Kuppen, Rücken und kleine Tälchen) waren in allen Höhenlagen und Expositionen auszulösen.“

 

Der Wind hat in weiten Teilen Tirols den tollen Pulverschnee zunichte gemacht und frische, auch harte Triebschneepakete gebildet. Tuxer Alpen (Foto: 30.01.2015)

 

Donnerstag, 29. Januar 2015

Lawinenunglück Hornköpfl, Lawinenunfall Hafelekar

Unterhalb des Hornköpfls im Nahbereich des Kitzbüheler Horns in den Kitzbüheler Alpen lösten am 28.01. Variantenfahrer ein Schneebrett aus. Eine Person musste reanimiert werden und ist laut neuesten Informationen der Alpinpolizei weiterhin in kritischem Zustand, die zweite Person kam glimpflich davon. Wir sind heute am Unfallort. Details folgen.

 

Lawinenunfall Hornköpfl, Suchmannschaften sind gerade vor Ort (Foto: 28.01.2015)

 

Lawinenunfall Hornköpfl mit einer der Verschüttungsstellen (Foto: 28.01.2015)

 

Zudem gerieten am 28.01. drei Variantenfahrer unterhalb des Hafelekars in der sogenannten Diretissima im freien Skigelände in zwei Schneebretter. Zwei Personen wurden primär von einem Schneebrett erfasst, mitgerissen und verschüttet. Eine Person, bei der die Hand aus dem Schnee ragte, konnte rasch geortet werden. Noch bevor die Person ausgegraben werden konnte, löste sich oberhalb der Variantenfahrer eine weitere Lawine, die dann alle drei Personen kurzzeitig erfasste. Jene Person, die vorher nicht verschüttet war, blieb wiederum nur teilverschüttet und konnte rasch wieder die Suche aufnehmen und die neuerlich verschüttete, zuvor schon geortete Person orten und aus einer Tiefe von 135cm ausgraben. Weitere Personen orteten und befreiteten die zweite verschüttete Person. Eine Person erlitte leichte Prellungen, die anderen blieben unverletzt. Hier noch rasch erste Infos der Alpinpolizei: Länge ca. 1km, Breite 300-350m, Anrisshöhen 0,15-1m, Steilheit im Anrissbereich 40 bis 45 Grad; Exposition S.

 

Lawinenabgang Diretissma, Hafelekar, Nordkette, Westliche Nordalpen (Foto: 28.01.2015)

 

Lawinenabgang Diretissma, Hafelekar, Nordkette, Westliche Nordalpen (Foto: 28.01.2015)

 

Blick auf die Nordkette vor dem Lawinenabgang am 28.01.2015 in der Früh

 

Heikle Lawinensituation v.a. in den neuschneereichen Regionen Nordtirols – einige Lawinenabgänge mit Personenbeteiligung und sehr gute Sprengerfolge

Neuerlich müssen wir in Tirol von einer für den Wintersportler angespannten Lawinensituation ausgehen. Dies betrifft vermehrt die neuschneereichen Regionen Arlberg-Außerfern, Nordalpen, Kitzbüheler, Zillertaler sowie Tuxer Alpen, wo es während der vergangenen Tage viel geschneit hat. Meist war es dort zwischen 30 und 50cm, lokal auch knapp 1m.
 
 
Viel Neuschnee in einigen Regionen Nordtirols, Tuxer Alpen (Foto: 28.01.2015)
 
Das derzeitige Hauptproblem geht von frischem Triebschnee aus. Dieser ist derzeit deshalb so leicht zu stören, weil unter dem Triebschnee sehr kalter, lockerer, zum Teil schon leicht aufbauend umgewandelter Neuschnee, mitunter auch Oberflächenreif, lagert. Schneebrettlawinen lösten sich während der vergangenen Tage großteils an der Schichtgrenze zwischen diesem lockeren Schnee und dem darüber befindlichen vom Wind verfrachteten Schnee, den wir Triebschnee nennen.
 
Teilweise etwas heimtückisch: Gegen Ende der Neuschneefälle vom 27.01. auf den 28.01. wehte oft nur mehr wenig, davor noch sehr starker Wind. An der Schneeoberfläche fand man deshalb häufig lockeren Pulverschnee, darunter jedoch Triebschnee, unter dem Triebschnee dann wieder lockeren Pulverschnee bzw. auch Oberflächenreif. Stabilitätstests zeigten dort eine schlechte Verbindung.
 
Kalte Temperaturen, Schneefall, Wind – eine ungute Kombination für die derzeitige Lawinensituation, Wildenkogel, Osttiroler Tauern (Foto: 27.01.2015)
 
Am 28.01. ein verbreitetes Bild: Meist kleine spontane Lawinen, Kleiner Gilfert, Tuxer Alpen (Foto: 28.01.2015)
 
Gesprengte Lawinen unterhalb des Kitzbüheler Horns, Kitzbüheler Alpen (Foto: 28.01.2015)
 
 
 
Spontane Lawine unterhalb der Wankspitze, Westliche Nordalpen (Foto: 28.01.2015)
 
In den Regionen südlich vom Arlberg, den Nordalpen und den Kitzbüheler Alpen gibt es zum Triebschnee- weiterhin ein Altschneeproblem.
 
Lawine, die im Altschnee vermutlich durch Fernauslösung von Skitourengehern ausgelöst worden ist, Naviser Kreuzjöchl, Tuxer Alpen (Foto: 28.01.2015)
 
Sehr gute Sprengerfolge. Stubaier Gletscher, Südliche Stubaier Alpen (Foto: 28.01.2015)
 
Einzig in windberuhigten Gebieten unterhalb etwa 2000m konnte man ziemlich ungefährdet den tollen Pulverschnee genießen.
 
Trotz Pulvertraum sollte man weiterhin möglichst defensiv unterwegs sein, Tuxer Alpen (Foto: 28.01.2015)
 
Wie geht es weiter: Es schneit wieder in weiten Teilen Tirols, am meisten soll es im Nordwesten werden. Auch der Wind hat wieder zugelegt. Neuerlich wird Triebschnee störanfällig werden.
 
Lockerer Pulver an der Schneeoberfläche „wartet" darauf, verfrachtet zu werden.
 
Der Wind legte bereits am 28.01. am späten Nachmittag wieder zu. (Foto: 28.01.2015)
 
Die Devise sollte somit weiterhin lauten: Möglichst defensiv unterwegs zu sein!
 
Mut zur Umkehr bzw. Verzichtsbereitschaft zur Unfallvermeidung (Foto: 28.01.2015)