Samstag, 8. November 2014

Lawinenabgang Pitztaler Jöchl mit relativ glimpflichem Ausgang; Kurzanalyse der Situation

Eine Gruppe von 9 Freeridern, die mit ihrer Tourenausrüstung zum Pitztaler Jöchl in den Ötztaler Alpen gingen, löste heute am 08.11. um die Mittagszeit bei der Abfahrt ein ca. 50m breites Schneebrett aus. Der Anriss betrug bis zu 1m. 5 Personen wurden dabei bis zum Kopf verschüttet, eine davon am Knie verletzt. Letztere verlor auch ihre Skier. Die sehr gut ausgerüstete Gruppe konnte durch Kameradenhilfe sämtliche Personen befreien.

Lawinenabgang Pitztaler Jöchl (Foto: Norbert Brunner; 08.11.2014)
 
Neuerlich handelte es sich um extrem steiles Gelände in einem Höhenbereich um 3000m. Die Hangausrichtung war Nord.
 
Lawinenabgang Pitztaler Jöchl. Zudem eingezeichnet: Lawinenabgang Seiterjöchl vom 07.11.2014 (sh. vorige Blogeinträge)
 
Aufgrund weiterer Meldungen von guten Sprengerfolgen sowie vereinzelten spontanen Lawinen während der vergangenen Tage kristallisiert sich (ohne noch auf viel Schneedeckenuntersuchungen zurückgreifen zu können) folgender Gefahrenbereich heraus: Alpenhauptkamm inkl. Zentralosttirol, Höhenbereich oberhalb etwa 2800m, Sektor W über N bis O, zumindest sehr steil. Offensichtlich müssen während der Schönwetterperiode ab dem 24.10. im Bereich der damaligen Schneeoberfläche durch nächtliche Ausstrahlung und Abkühlung Umwandlungsprozesse stattgefunden haben. Wir gehen entweder von dünnen kantigen Schichten im Bereich von dünnen Krusten oder aber Oberflächenreif aus.
 
Kleinräumiger, kammnaher Oberflächenreif (Nigg-Effekt) wurde beispielsweise von unserem Beobachter Lukas Ruetz am 31.10. auf etwa 2800m in den Nördlichen Stubaier Alpen beobachtet. Allerdings muss auch berücksichtigt werden, dass es ab dem 03.11. massiv zu stürmen begonnen hat, bevor noch Niederschlag gefallen ist. Oberflächenreif dürfte sich deshalb wohl nur an besonders windgeschützten Standorten gehalten haben.
 
Oberflächenreifbildung im unmittelbaren Kammbereich auf etwa 2800 in den Nördlichen Stubaier Alpen (Foto: 31.10.2014)
 
Wetterstation Figol bei Kals in Osttirol. Man erkennt die bis zum 03.11. anhaltende Schönwetteroperiode (rote Temperatur- und blaue Taupunktslinien sind weit auseinander). Ab dann zunehmender Wind (Tirolweit Spitzen bis 180 km/h)! Niederschlag erst ab dem 04.11. abends.
 
Eine detailliertere Analyse der Gesamtsituation erfolgt nächste Woche, sobald wir auf vermehrte Schneedeckeninformationen zurückgreifen können.
 
Noch ein Detail am Rande bzw. ein Appell zu Winterbeginn: Lawinenabgänge sollten IMMER, auch dann wenn diese glimpflich ausgegangen sind, der Leitstelle Tirol (Telefonnummer 140, 144) gemeldet werden, um sinnlose Sucheinsätze zu vermeiden.
 
Im konkreten Fall erfuhren wir nur durch unseren, derzeit am Rettenbachferner stationierten Beobachter Norbert Brunner  von dem Lawinenabgang, weil dieser zufällig auf die Freerider gestoßen ist und entsprechende Infos erhalten hat.
 

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